Lernmethoden: Wie sinnvoll ist die muttersprachliche Spiegelung?

12. November 2019
von Uwe Meinert

„Denglische“ Redewendungen wie „I think I spider“  für „Ich glaube, ich spinne“  oder „My English is under all pig“  als Übersetzung von „Mein Englisch ist unter aller Sau“  werden in der Regel in einem humorvollen Kontext verwendet. Sie bereiten in der Tat Spaß und sorgen dafür, dass eine Unterhaltung aufgelockert wird. Doch wie hoch ist der Lerneffekt dieser Methode, die im Fachjargon auch als muttersprachliche Spiegelung bezeichnet wird? Nicht jeder Fremdsprachen-Experte ist davon überzeugt, dass es clever ist, den Schülern falsche grammatikalische Konstrukte vor Augen zu führen. Es gibt allerdings auch genügend Befürworter, die sich sicher sind: Die muttersprachliche Spiegelung hilft spielerisch dabei, fremdsprachliche Grammatikregeln zu verinnerlichen.

Was ist die muttersprachliche Spiegelung?

Unter muttersprachlicher Spiegelung versteht man die Wort-für-Wort-Übersetzung in eine Fremdsprache, bei der die gewohnten Grammatikstrukturen übernommen werden. Die Lernmethode lässt sich am besten durch Beispiele erklären.

Deutscher Satz: Gehst du am Samstag mit mir ins Kino?

Muttersprachliche Spiegelung ins Englische: Go you on Saturday with me to the cinema?

Korrekte englische Übersetzung: Do you go to cinema on Saturday with me?


Was ist das Ziel der muttersprachlichen Spiegelung?

Zugegeben, es tut mitunter ziemlich weh, einen deutschen Satz Wort für Wort und unter Missachtung aller Grammatikregeln ins Englische zu übersetzen. Hier ist manchmal wirklich Überwindung gefragt.

Viele Gegner der muttersprachlichen Spiegelung befürchten außerdem, dass sich die falschen Grammatikstrukturen im Gehirn der Schüler einprägt und diese fortan immer wieder Fehler machen.

Das ist natürlich keinesfalls das Ziel dieser Lernmethode. Wer sie anwendet, will seinen Schülern vor Augen führen, welche Unterschiede es in Sprache A und Sprache B gibt, worauf man besonders achten muss und an welchen Stellen vielleicht auch Parallelen zu finden sind.

Für wen ist die muttersprachliche Spiegelung besonders gut geeignet?

Es ergibt nur wenig Sinn, fortgeschrittene Sprachschüler, die die grundlegenden Grammatikregeln der Fremdsprache bereits verinnerlicht haben, zu bitten, die muttersprachliche Spiegelung anzuwenden. In diesem Fall kann die Lernmethode tatsächlich als Rückschritt verstanden werden, der mehr Schaden anrichtet als zu helfen.

Die muttersprachliche Spiegelung richtet sich viel eher an Anfänger, die gerade die ersten Gehversuche wagen und noch wacklig auf den Beinen sind. Viele Fremdsprachentrainer nutzen die Lernmethode, um ein erstes Gefühl von Sicherheit zu vermitteln und den Schülern die Angst vor komplizierten Grammatikeinheiten zu nehmen.

Es geht in dieser Phase vielmehr darum, ein grundlegendes Gespür für die Fremdsprache zu erhalten, mit ihr zu spielen und sich (im besten Fall) in sie zu verlieben. Vor dem Hintergrund, die muttersprachliche Spiegelung nur im Anfangsstadium des Fremdsprachenunterrichts zu verwenden, kann die Lernmethode als durchaus sinnvoll eingestuft werden.

Exkurs: Von der muttersprachlichen Spiegelung zur Lehnsyntax

Dass die muttersprachliche Spiegelung auch anders herum funktioniert – und obendrauf auch langfristige Auswirkungen mit sich bringen kann – beweist das Prinzip der Lehnsyntax beziehungsweise Lehnübersetzung.

Ein extrem populäres Beispiel hierfür ist das englische „that makes sence“, das als „das macht Sinn“  längst in unseren Alltagswortschatz übernommen wurde. Streng genommen gibt es diese Formulierung in der deutschen Sprache jedoch nicht. Hier machen die Dinge keinen Sinn, sie ergeben einen Sinn.

Muttersprachliche Übersetzung: Darauf kommt es an

Damit der Fremdsprachenunterricht mithilfe der muttersprachlichen Spiegelung zu einem Erfolg wird, ist es wichtig, dass die Wort-für-Wortübersetzung zu keiner Zeit als das Ziel, sondern immer als ein (wesentlicher) Zwischenschritt verstanden wird. Nur so kann auch wirklich sichergestellt werden, dass sich keine falschen grammatikalischen Konstruktionen im Gedächtnis des Sprachschülers einbrennen.

Auch die augenzwinkernde Verwendung der oben zitierten „denglischen“ Redewendungen unterstreicht, dass die muttersprachliche Spiegelung als Spiel mit den Sprachen verstanden werden darf und muss. Niemand, der „What for a juice-shop“ anstelle von „Was für ein Saftladen“ sagt, ist der Meinung, es handele sich hierbei um eine korrekte Übersetzung. Wer sich das immer wieder vor Augen führt, wird merken, wie die Zweifel an der muttersprachlichen Spiegelung immer kleiner werden.

Fazit: Für Anfänger durchaus sinnvoll

Die muttersprachliche Spiegelung kann vieles sein: Lernmethode für Anfänger, Ausgangspunkt für Lehnsyntax und Lehnübersetzungen oder eben auch einfach das humorvolle Verschmelzen zweier Sprachen.

Auf jeden Fall aber zeigt sie, dass das Erlernen einer Fremdsprache nicht automatisch und von Beginn an hochkompliziert sein muss. Der Unterricht darf ruhig auch lockere Elemente enthalten und Regeln (zumindest für den Anfang) in den Hintergrund stellen. Solang im weiteren Verlauf darauf geachtet wird, dass sich falsche Grammatikstrukturen nicht festigen, kann die muttersprachliche Spiegelung durchaus motivierende Erfolge mit sich bringen.

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