Das Phänomen Polyglott: Was ist ihr Sprach-Geheimnis?

25. April 2020
von Uwe Meinert

Sie sind die Virtuosen der Fremdsprachen-Welt und faszinieren nicht nur Forscher: Polyglotte Menschen, die viele verschiedene Sprachen beherrschen und immer wieder neue erlernen, üben einen ganz besonderen Reiz auf Außenstehende aus. Denn fast wirkt es so, als können sie eine Fremdsprache tatsächlich im Schlaf erlernen. Was also ist ihr Geheimnis?

Ab wann gilt ein Mensch als polyglott?

Eine Fremdsprache zu erlernen ist immer wieder eine große Herausforderung – kein Wunder also, dass die meisten nach einer (in der Regel handelt es sich dabei um Englisch) aufhören, sich mit der Thematik zu befassen.

Diejenigen, die wirklich ambitioniert sind, wagen sich jedoch an eine, vielleicht auch zwei weitere Fremdsprachen heran und gelten damit schon als Ausnahmen. Doch ab wie vielen Fremdsprachen gilt ein Sprachschüler als polyglott?

Diese Frage wurde bisher noch nicht mithilfe einer einheitlichen Definition beantwortet. Geht es darum, zu klären, wie viele Fremdsprachen ein Polyglott beherrschen muss, um diesen Titel auch zurecht tragen zu dürfen, lautet die Antwort in der Regel: „viele“ oder „mehrere“.

Übrigens: Im Deutschen werden Polyglotte hin und wieder auch Vielsprachler genannt.

Fakt ist: Die Zahl 10 hat sich inzwischen als „magische Grenze“ etabliert. Wer diese überschreitet, ist nicht nur ein Polyglott, sondern darf sich auch als hyperpolyglott bezeichnen.

Auch im Hinblick auf die Qualität der Sprachkenntnisse und den Umstand, ob die Fremdsprache „nur“ passiv oder auch aktiv beherrscht wird, gibt es keine einheitliche Regelung.

Info: Wer eine Sprache passiv beherrscht, ist in der Lage, sie zu verstehen. Eine aktive Beherrschung liegt vor, wenn man die Sprache selbst in gesprochener und schriftlicher Form einsetzen kann.


Es gilt grundsätzlich: Menschen, die überdurchschnittlich viele Fremdsprachen (sowohl aktiv als auch passiv) beherrschen und auch mit recht wenig Aufwand immer wieder neue erlernen, können als Polyglott bezeichnet werden. Auf Außenstehende wirken diese Personen oftmals so, als hätten sie weitaus weniger Probleme mit dem Fremdsprachenunterricht als andere.

Bekannte Polyglotte

Auch wenn polyglotte Menschen als „Rand-Phänomen“ bezeichnet werden können, tauchen doch immer wieder Menschen auf der Bildfläche beziehungsweise in den Medien auf, die durch überdurchschnittlich umfangreiche Fremdsprachenkenntnisse auf sich aufmerksam machen.

Wirft man einen Blick in die Vergangenheit, so fallen besonders häufig die Namen Sir John Bowring (Schriftsteller), Heinrich Schliemann (Archäologe) und Emil Krebs (Diplomat, Übersetzer und Dolmetscher).

Doch auch heutzutage sorgen Polyglotte mit ihren Fähigkeiten immer wieder für Aufmerksamkeit. Die wohl bekanntesten Vielsprachler unserer Zeit sind:


Dass es noch viel mehr Polyglotte auf der Welt gibt, wird immer wieder bei Treffen unter Beweis gestellt. 2015 etwa trafen sich rund 350 Vielsprachler in Berlin. Der Tagesspiegel berichtete damals augenzwinkernd, aber auch zutreffend von „babylonischen Verhältnissen“ in der Stadt.

Was ist das Besondere an polyglotten Menschen?

Während die meisten Menschen schon ab der zweiten Fremdsprache überfordert sind, scheint es für Polyglotte das Leichteste der Welt zu sein, immer wieder in ein völlig neues Vokabular einzutauchen. Der Grieche Ioannis Ikonomou sagt sogar, dass er manche Sprachen – wie zum Beispiel Suaheli – nur aus Spaß gelernt hat. Für viele Sprachschüler ist das absolut unvorstellbar.

Doch was genau ist nun das Geheimnis der Polyglotte? Warum lernen sie eine Fremdsprache scheinbar beiläufig, während sich andere Menschen jahrelang mit Grammatikregeln auseinandersetzen und dennoch nicht verinnerlichen?

Die Antwort lautet: Es ist ein Mix aus unterschiedlichen Faktoren, die wir natürlich gern genauer für Sie beleuchten.

  • Neugier: Neugier ist ein wichtiger Antrieb für Polyglotte. Viele von ihnen spüren immer wieder den inneren Drang, eine neue Fremdsprache zu erlernen – auch wenn die letzte noch gar nicht lang beherrscht wird. Diese besondere Form der Motivation ist ein entscheidender Aspekt für die faszinierenden Lernerfolge der Vielsprachler.

  • Intelligenz: Keine Frage – wer viele Fremdsprachen erlernen kann, muss ein überdurchschnittlich intelligenter Mensch sein. Selbstverständlich haben Polyglotte längst das Interesse von Hirnforschern auf der ganzen Welt geweckt. Eines ihrer Ergebnisse: Vielsprachler nutzen die Inselrinde, einen kleinen Teil des Gehirns, der u.a. auch als Insula oder Inselcortex bezeichnet wird, besonders intensiv. Die Funktionen dieser Rinde sind noch nicht vollständig erforscht, doch es wird davon ausgegangen, dass sie wichtig für das auditive Denken – insbesondere das sprachvermittelnde – verantwortlich ist. Oder mit anderen Worten: Fremde und ungewohnte Klangmuster – beispielsweise die einer Fremdsprache – werden genau hier abgespeichert.

  • Konkrete Ziele: Während die Super Polyglott Bros Michael und Matthew ihre ersten Fremdsprachen für anstehende Reisen erlernten, wollte Ioannis Ikonomou gern die Touristen an den griechischen Stränden verstehen. Diese beiden Beispiele machen besonders schön deutlich, wie wichtig eine persönliche Motivation für den Erfolg des Fremdsprachenunterrichts ist. Egal ob polyglott oder nicht – wer keine individuellen Gründe dafür hat, eine Fremdsprache zu erlernen, wird es schwer haben, Erfolge zu feiern.

  • Offenheit für fremde Kulturen und Menschen: Auch wenn man Polyglotte natürlich nicht alle in eine Schublade stecken kann, so eint sie dennoch eine spezielle Eigenschaft – nämlich Offenheit. Für anderssprachige Menschen, fremde Kulturen und (ganz allgemein) das Unbekannte. Nur wer diese allumfassende Offenheit mitbringt, ist in der Lage, viele verschiedene Fremdsprachen zu erlernen.

  • spezielle Lernmethoden: Vielsprachler sind wahre Fremdsprachen-Experten und eignen sich als solche über Jahre meist ganz spezielle Lernmethoden an. Eine Technik, die von vielen Polyglotten genutzt wird, kann grob folgendermaßen zusammengefasst werden: Umgeben Sie sich so gut es geht mit einer Fremdsprache und lassen Sie sie zu einem Teil Ihres Alltags werden. Außerdem – auch das bestätigen die meisten polyglotten Menschen – ist es von entscheidender Wichtigkeit, mit Muttersprachlern in Kontakt zu treten und mit diesen die erlernten Fähigkeiten zu intensivieren.

  • Durchhaltevermögen: Nicht zuletzt haben Polyglotte stets einen langen Atem. Denn auch wenn es meist nicht danach aussieht: Auch ihnen fällt eine neue Fremdsprache nicht in den Schoß.


Kann auch ich ein Polyglott werden?

Diese Frage kann nicht pauschal beantwortet werden. Denn auch wenn eine Person grundlegendes Interesse für Fremdsprachen mitbringt, heißt das nicht automatisch, dass sie bereit ist, fünf oder mehr davon zu erlernen.

Wichtig ist selbstverständlich, dass die oben genannten Aspekte auf Sie zutreffen und Sie grundsätzlich bereit dafür sind, viel Zeit in den Fremdsprachenunterricht zu investieren. Wenn Sie dann auch noch von sich behaupten können, dass Ihnen das Erlernen einer neuen Sprache grundsätzlich leicht fällt, dann befinden Sie sich durchaus auf dem Weg in Richtung Polyglott.

Polyglotte Menschen faszinieren und stellen eindrucksvoll unter Beweis, dass es nie zu spät ist, eine Fremdsprache zu erlernen. Auch wenn sie hinsichtlich ihres Sprachtalents nicht mit der „breiten Masse“ verglichen werden können, sind sie doch eine großartige Inspiration für alle, die sich den Herausforderungen einer neuen Sprache stellen möchten. Es lohnt sich also durchaus, sich mit dem Leben und den Lernmethoden verschiedener Vielsprachler auseinanderzusetzen.

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